Links

Header

Kristina Herzog

Autorin

 

Mein Blog: www.krimimama.de 

Leseprobe aus Führers Vermächtnis

Führers Vermächtnis

 

Hendrik hasste diese betroffenheitstriefenden Vorführungen menschlichen Leidens. Ein Leiden, das ein Mensch, der den Krieg nur aus Nachrichten und Geschichtsbüchern kannte, gar nicht wirklich erfassen konnte. Er fühlte sich berührt durch die unwirklichen Bilder und Berichte und trotzdem hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht wusste, ob das in Anbetracht der Qualen, die diese Menschen erdulden mussten, wirklich ausreichte.

Er blinzelte, so dass das Foto fast vor seinen Augen verschwamm. In dem grellen Licht lagen hunderte von Leichen auf einem riesigen Haufen. Verrenkte Glieder, offene Münder, gequälte Gesichter. Mehrere SS-Männer standen mit triumphierenden Gesichtern daneben. Einer hatte den Fuß auf den Kopf einer nackten Frau gestellt und reckte die Hand zum Hitlergruß. Die SSler wirkten zufrieden - wie nach einer gelungenen Jagd. Auf Hendriks Armen breitete sich Gänsehaut aus.

Er hasste diese beklemmenden Bilder wirklich und doch konnte er nicht aufhören, immer wieder solche Ausstellungen zu besuchen. Es war als würde er dadurch für etwas büßen. Für Etwas, das passiert war, als er noch nicht gelebt hatte. Andere hatten das Glück, sich darauf berufen zu können. Er würde immer die Last des Wissens mit sich herumtragen. Das Wissen um die Gräueltaten, die von seiner eigenen Familie begangen wurden. Ach - was hieß Familie? Einer hatte sie begangen, einer alleine, aber dafür umso radikaler, umso fanatischer und umso furchterregender. Hendrik fand sein Foto immer wieder bei solchen Ausstellungen. Er wollte ihn finden. Immer wieder. Ein Panoptikum des Schreckens und der Aufarbeitung.

Die Schauräume von „Täter und ihre Opfer“ waren ruhig. Eine anstrengende Stille. Nur ab und an ein Absatzklappern oder ein Sohlenquietschen. Man verständigte sich mit Blicken. Vielsagend zumeist. Nach dreißig, vierzig Bildern drückte Liliane ihm mit der Handfläche auf die Schulter, während ihre dunklen Augen ihn eindringlich fixierten.

„Da!“, flüsterte sie tonlos und deutete mit dem Kopf auf das Bild eines Mannes: gutaussehend, arisch, zufrieden mit sich und der Welt. Da war er – selbstbewusst und grausam: Karl Linkersdorf, SS-Obersturmbannführer und verantwortlich für die Umsiedlung der Ostgebietsbevölkerung.Einer, der in der Welt der Nazis mehr als ein Zuhause gefunden hatte.

 

Hendrik atmete schwer. Er hatte ihn gefunden. Wieder einmal. Einerseits jubilierte er innerlich, andererseits spürte er den wohlbekannten Ekel, der ihn schon so lange begleitete. Obwohl er diesen Mann nie kennen gelernt hatte, war dessen Einfluss auf sein Leben immens. Hendrik starrte ihm auf dem kleinen schwarzweißen Bild in die Augen, ohne zu blinzeln. Er griff nach Lilianes Hand und drückte sie. Ein paar blonde Locken fielen ihm in die Stirn. Achtlos strich er sie zur Seite, während er die Lippen zusammenpresste. Er hatte ihn gefunden. Schon wieder!

 

Liliane streichelte ihm sanft über die Wange und schmiegte sich an ihn. Ein paar Sekunden standen sie so, doch dann drehte Hendrik sich abrupt um.

„Genug!“, knurrte er.

Als er den Ausgang erreichte, hatte ihn Liliane fast eingeholt: „Hendrik! Warte doch mal, bitte. Hey!“ Ihre Stimme durchschnitt die Stille.

Hendrik drehte sich um und sah sie gequält an. Er schüttelte den Kopf: „Ich muss hier raus!“

„Hendrik, das ist unser letzter gemeinsamer Abend… Verdammt! Du wolltest unbedingt hierher, nicht ich! Ich wusste schon, warum!“

Sie hatte Recht.

„Ich habe gedacht, ich kriege es inzwischen besser hin. Tut mir leid!“ Er machte einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm.

Die Leute im Raum sahen alle zu ihnen hin. Mit so einem Schauspiel hatten sie sicher nicht gerechnet, als sie ihre Eintrittskarten gekauft hatten.

„Wollen wir noch etwas Essen gehen?“, raunte er ihr ins Ohr und drückte sie an sich.

Er spürte ihr Nicken an seiner Brust.

„Dann komm!“, sagte er, ergriff ihre Hand und zog sie aus der Tür.

Warme Luft schlug ihnen entgegen. Die Dämmerung hüllte die Bäume in raschelnde Schatten.

Sie liefen Hand in Hand die menschenleere Straße herunter in Richtung U-Bahnhof Kochstraße.

„Wann musst du morgen los?“, brach Liliane als Erste das Schweigen.

„So um sieben. Dann habe ich noch ein bisschen Puffer.“

„Aber alles eingepackt hast du, oder?“

„Mhm!“, sagte er unbestimmt.

Es entsprach nicht völlig der Wahrheit, aber immerhin hatte er schon die Reisetasche hingestellt und seine Jurakommentare und die wichtigsten Gesetzbücher bereit gelegt. Den Rest würde er nachher noch schnell machen. Er wollte jetzt nicht daran denken. Der Gedanke an eine Trennung von Liliane schmerzte zu sehr. Allerdings fiel ihm auch nichts anderes ein, worüber sie hätten reden können. Alles, woran er denken konnte, war sein neuer Job, den er morgen früh 80 Kilometer von hier antreten würde. Er hatte noch nie außerhalb der Stadt gelebt. Auch während seines gesamten Studiums war er in Berlin geblieben. Und jetzt…

„Ich liebe diese lauen Sommerabende!“, sagte Hendrik so fröhlich wie möglich.

Liliane schmiegte sich an ihn. Ein paar Schritte später fragte sie: „Siehst du in der Schorfheide eigentlich die gleichen Sterne wie ich hier?“

„Wenn du die in Berlin überhaupt sehen kannst- bei den vielen Lichtern…“

Sie lachten – gemeinsam. Doch mit einem Mal zuckte Hendrik zusammen. Irgendetwas hatte ihn alarmiert. War es ein Geräusch, ein Schatten? Blitzschnell drehte er sich um und sah die Straße hinunter. Nichts zu sehen, was der Grund für seine Unruhe hätte sein können.

„Ist irgendwas?“ Liliane sah ihn fragend an und folgte dann seinem Blick.

„Nein… es… ich dachte nur… Nein, ich habe mich wohl geirrt. Irgendwie kommt es mir seit Tagen so vor, als würde ich verfolgt.“

Sie lachte auf. Dann sah sie ihn mit hoch gezogenen Augenbrauen und einem spöttischen Lächeln um die Mundwinkel an: „Keine James-Bond-Filme mehr für dich, klar? Hört sich nach einer Überdosis an… Wer sollte dich denn bitte verfolgen?“

Jetzt musste auch Hendrik grinsen: „Ja, ich weiß. Ich habe nur so ein komisches Gefühl… in den letzten Tagen… Also worauf hast du Appetit?“, fragte er, als sie Arm in Arm weiterliefen.

Aber das komische Gefühl blieb…

 

 

Die Fahrt ging zügig voran. Bis auf einen kleinen Stau an einer Baustelle und einer Gruppe von Beerensammlern mit großen Senfeimern am Straßenrand gab es nichts Bemerkenswertes. Hendrik hatte eine gute Stunde gebraucht. Natürlich war er später losgekommen als geplant. Wesentlich später. Die Packerei hatte dann doch länger gedauert als angenommen. Und jetzt hatte er sich auch noch heillos verfranzt. Er war schon das dritte Mal durch Altenhof gefahren, ohne die Straße Eichheide zu finden. Das konnte doch nicht sein! Da wäre natürlich ein Navi hilfreich gewesen, aber das war erst mit dem nächsten Auto drin, das er kaufen würde, wenn er ein, zwei Jahre gut verdient hatte. Wenn wenigstens jemand auf der Straße gewesen wäre, den man hätte fragen können. Und dass sein Handy in der Gegend keinen Empfang hatte, macht die Sache natürlich auch nicht leichter! Abrupt bremste Hendrik. Er würde jetzt aussteigen, an dem kleinen Häuschen dort klingeln und fragen. Vor 25 Minuten hätte er da sein sollen. So ein Mist am ersten Arbeitstag!

Eine Gardine bewegte sich ganz leicht, als Hendrik das Gartentor öffnete und zu der Holztür schritt, von der die grüne Farbe abblätterte. Die Klingel dröhnte durch das Gebäude. Ein Hund schlug an, verstummte aber sofort wieder. Niemand öffnete.

Verdammt, er hatte doch nur eine Frage. Was sollte denn das Theater? Hendrik hielt den Finger auf die Klingel gedrückt. Der Hund bellte wie verrückt, aber die Tür blieb verschlossen.

„Hören Sie, ich will doch nur den Weg zur Eichheide-Straße wissen. Jetzt machen Sie doch auf!“ Er hatte die Klingel inzwischen losgelassen, hämmerte aber voll Wut auf die Tür ein. Der Druck der letzten Tage entlud sich.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Ein kleines Mädchen stand dort und hielt einen großen schwarzen Hund am Halsband fest, dem offensichtlich daran gelegen war, dem Störenfried an den Hals zu springen.

Augenblicklich schämte sich Hendrik: „Oh… das tut mir leid! Ich wollte dich nicht erschrecken… Ruhig, Großer, ist ja alles in Ordnung! Er ist ein bisschen aufgeregt, oder?“

Herrje, die Töle war riesig. Was, wenn die Kleine es nicht schaffte, ihn zu bändigen? Seine Reißzähne wirkten gigantisch. Instinktiv trat Hendrik einen Schritt zurück. Das Mädchen rührte sich nicht. Es starrte ihn aus schnittlauchglatten Haaren, die ihm über die dunklen Augen hingen, wortlos an.

„Es ist nur… kannst du mir sagen, wie ich zur Eichheide komme? Es ist dringend!“

Jetzt riss das Mädchen die Augen auf. Es sah aus wie ein verschrecktes Kaninchen, kurz bevor es sich zur Flucht entschließt. Wie in Zeitlupe schüttelte sie den Kopf, fixierte dabei aber ununterbrochen Hendriks Gesicht.

„Soll das heißen du kennst die Straße nicht oder du kannst es mir nicht sagen?“

Sie starrte ihn bewegungslos an, antwortete aber nicht.

„Bitte, Kleine! Ich hätte da schon vor einer halben Stunde sein müssen und ich kann die dämliche Straße  einfach nicht finden.“

Sie blinzelte. Dann schluckte sie und flüsterte so leise, dass Hendrik sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen:

„Keiner darf dort hin, seit…. Es ist verboten!“

„Seit was? Was ist dort passiert?“

„Wir haben dort gespielt, bei dem alten Bunker. Schon immer, aber seit die da sind… Sie haben uns weggejagt und gesagt, wenn wir wieder kommen, dann…“ Unvermittelt brach sie in Tränen aus.

Hendrik begann zu schwitzen. Mit Tränen hatte er seine Probleme. Schon immer.

„Ist gut… schon gut, Kleine! Ich wollte dir keine Angst machen!“ Hektisch kramte Hendrik in seiner Hosentasche. Aber er fand nichts, was er der Kleinen zur Ablenkung hätte anbieten können. Als er in die Brusttasche seines Hemdes fasste, seufzte er erleichtert. „Möchtest du einen Kaugummi?“ Er hatte keine Ahnung, wie alt er war, aber das Kind nickte unter Tränen. Dann wischte es sich über die rot geheulten Augen und blinzelte ihn dankbar an. Dabei ließ es den Hund los, der sofort einen Satz nach vorn machte. Erschreckt sprang Hendrik zur Seite, aber der Hund hatte seine vorherigen Tötungsabsichten offensichtlich fallen lassen, rannte in den Garten und kam mit einem Stock wieder, den er schwanzwedelnd vor Hendrik niederlegte.

Dem lief der Schweiß inzwischen den Rücken hinunter. Er ließ den Hund nicht aus den Augen, als er behutsam fragte:

„Geht es wieder?“ Aus den Augenwinkeln sah er, dass das Mädchen nickte, während es mit den Zähnen den klebrigen Kaugummi aus dem bröckeligen Papier pulte.

„Dann sag mir doch bitte, wie ich dort hinkomme. Ich passe auch gut auf, versprochen!“

 

Als Hendrik sein im Auto startete, versuchte er, die Erlebnisse einzuordnen. Die Kleine hatte Angst und nicht zu knapp. Wieso waren die Kinder dort fortgejagt worden? Wegen der Fledermäuse? Klar, sie waren empfindlich gegenüber Störungen, aber was konnten ein paar spielende Kinder schon anrichten?

Da vorne musste der Waldweg sein, der laut Auskunft des Mädchens die Eichheide war. Ein Schild war nirgends zu sehen. Kein Hinweis auf den Straßennamen oder auf die Offensive Natur, die dort ihren Sitz haben sollte.

 

Seltsam! War es üblich, dass Umweltschutzorganisationen nicht auf sich aufmerksam machten? Mit einem Schild, das dem ortsunkundigen Besucher den Weg wies, hätte er schon gerechnet. Vielleicht gab es keine Besucher? Aber die „Offensive Natur“ musste sich doch nicht verstecken. Ihre Erfolge auf dem Gebiet des Schutzes der einheimischen Tierwelt waren durchaus anerkannt. Man konnte fast den Eindruck bekommen, dass sie nicht gefunden werden wollte. Aber das war ja Quatsch! Was hatte die Kleine gesagt? Es gab dort einen alten Bunker?

 

Hendrik hatte einen Zaun erreicht. Er war rostig und an einigen Stellen niedergetreten. Einen Meter hinter dem Zaun ragte eine Mauer in die Höhe. Sie war intakt und Hendrik schätzte, dass sie mindestens einen Meter 50 hoch war. Vielleicht auch mehr. Wie kam man denn hier herein? Hendriks Golf holperte den unebenen Waldweg entlang. Die Stoßdämpfer quietschten. Mit einem Mal sackte der vordere Teil des Autos ab. Hendrik schrak zusammen. Hoffentlich war alles heil. Wie sollte er in dieser Einöde ohne Auto auskommen? Aber es war nur eine Absenkung des Waldwegs und es gelang ihm, den Golf sanft aus dem Loch zu lenken, ohne seinen Auspuff zu verlieren. Langsam fuhr er den Weg hinab. Auch wenn er zu spät war, er würde nicht sein Auto riskieren, um die Zeit wieder hereinzuholen. Hendrik musterte den Wall. Da sprang direkt vor seinem Auto plötzlich etwas über die Straße. Hendrik zuckte zusammen, drückte die Bremse durch und der Wagen kam quietschend zum Stehen.

Schwer atmend sah Hendrik in die Richtung, in der das Etwas verschwunden war. Sein Blick erhaschte einen Schatten. Ein Reh. Aber wo war es auf einmal hergekommen? War die Mauer doch durchlässig oder hatte es auf dem Weg campiert und war durch seine Ankunft aufgescheucht worden? Sehr viel los schien hier jedenfalls nicht zu sein!

 

Zögernd fuhr Hendrik wieder an. Wer wusste schon, welche Überraschungen ihn hier in der Wildnis noch erwarteten?

Ein paar Minuten später sah er ein Tor. Die dunkelgrüne Farbe war an vielen Stellen abgeblättert und gab den Blick auf dicken Rost frei. Endlich! Inzwischen war es fast zwölf Uhr. Um elf hatte er da sein sollen. Echt Klasse für den ersten Arbeitstag! Und es war heiß. Die Sonne stand hoch am Himmel und Hendrik stand der Schweiß auf der Stirn. Sein hellblaues Hemd klebte ihm am Rücken. Langsam fuhr er an den abgenutzt aussehenden Schlagbaum heran und kurbelte das Fenster herunter.

„Äh, hallo, ist da jemand?“ Er lauschte angespannt.

Nichts. Er hörte nur ein Flugzeug in der Ferne.

Hendrik stellte den Motor aus und rief jetzt etwas lauter:

„Hallo! Könnte mir mal jemand helfen?“

Nichts war zu hören. Nur das Zwitschern von Vögeln tönte aus den umliegenden Baumkronen.

Hendrik stieg aus. Das Zuschlagen der Wagentür erschien ihm unnatürlich laut in der Stille des Waldes. Er trat an den Schlagbaum vor. Vielleicht konnte man ihn öffnen.

Er versuchte, ihn anzuheben, aber nichts rührte sich. Kunststück! Das dicke Schloss, das an dem Schlagbaum befestigt war, glitzerte blank in der Sonne. Es war mit Sicherheit neueren Datums als das Drumherum.  

Hendrik rüttelte daran, aber es hielt bombenfest.

Wie zum Geier sollte er hier herein kommen? Er konnte doch sein Auto nicht mitten im Wald stehenlassen und sich zu Fuß auf die weitere Suche machen. Zumal hinter dem Schlagbaum Reifenspuren zu sehen waren. Es musste doch eine Möglichkeit geben, das Ding hier zu öffnen. Hendrik versuchte, das Schloss aufzudrücken. Als das nicht gelang, zerrte er mit aller Kraft an dem Schlagbaum, bis die Adern an seinem Hals hervortraten. Vielleicht war er hier doch falsch? Aber die Kleine hatte den Weg sehr genau beschrieben, nachdem sie es geschafft hatte, den alten Kaugummi aus dem Papier zu lösen und noch mit Tränen in den Augen hingebungsvoll kaute.

Wütend trat Hendrik gegen den Schlagbaum: „So ein gequirlter Mist!“

„Was wird ´n das?“ Der Klang einer Stimme hinter ihm ließ Hendrik zusammen fahren. Blitzschnell drehte er sich um.

Vor ihm stand ein Mann – nicht sehr groß, vielleicht knapp einen Meter 70 - mit leuchtend blauen Augen und musterte ihn mit zusammen gezogenen Brauen. Er hatte einen Zahnstocher im Mundwinkel.

„Oh! Ich… äh, mein Name ist Hendrik Römer. Ich soll heute hier anfangen.“

Der Mann starrte ihn an. Langsam begann er, auf dem Zahnstocher herum zu kauen.

„Ich habe einen Termin mit Herrn Schratt. Könnten Sie mich vielleicht herein lassen?“

Der Zahnstocher bewegte sich im Mund des Mannes hin und her, während er darauf herumkaute. Er musterte Hendrik unverhohlen von oben bis unten.

„Hendrik Römer“, murmelte der klein Gewachsene. „Für die Offensive! Warum fahren Sie denn dann nicht rein?“

„Das hatte ich ja versucht, aber der Schlagbaum rührt sich nicht! Hören Sie, ich sollte schon vor einer Stunde da sein und ich würde wirklich gerne jetzt da reinfahren und mich melden.“

Der Mann musterte ihn von oben bis unten bevor er – mit betont langsamen Bewegungen – an der linken Seite des Schlagbaums ein Türchen öffnete und einen Schlüssel herausholte. Mit einem schnellen Dreh sprang das Schloss auf und der Schlagbaum lockerte sich.

„Dann sollten Sie mal lieber nicht hier stehen und rumquatschen, sondern einen Zahn zulegen! Den Chef lässt man nicht warten.“

Hendrik presste die Lippen zusammen, als er dem Kleinen einen kurzen Blick zuwarf, bevor er in seinen Golf stieg und den Schlagbaum passierte.

 

Der Weg führte durch eine magische Landschaft. Sie erinnerte Hendrik an das Auenland der Hobbits – verwunschen und … still.  Riesige Bäume, malerisch bewachsen mit Efeu und anderen Rankpflanzen, hübsche Lichtungen, deren Gräser in der Sonne leuchteten und moosüberwachsene, knorrige Bäume, die offenbar schon vor einiger Zeit umgefallen waren. Wunderschön! Richtig idyllisch. Hier gefiel es Lili mit Sicherheit auch, wenn sie ihn besuchen kam. Sie konnten hier Hand in Hand spazieren gehen…

 

Unvermittelt tauchte auf einmal ein riesiges Gebäude vor Hendrik auf, das so gar nicht in die märchenhafte Landschaft zu passen schien. Vier Stockwerke Plattenbau, der seine beste Zeit schon lange – sehr lange - hinter sich gelassen hatte. An einige Stellen hatten sich die ehemals weißen Platten gelöst und lagen auf dem Waldboden herum, inzwischen mit allerlei Gräsern und Moosen bewachsen. Viele Fenster hatten keine Scheiben mehr, so dass die verschlissenen Gardinen im Wind flatterten. Ganz oben - im vierten Stock waren die Fenster zugemauert.

Das Haus an sich machte einen vergessenen und verlassenen Eindruck. Aber schräg davor standen ein gutes Dutzend Autos, die frisch poliert in der Sonne glänzten. Hendrik stellte seinen mit Roststellen übersäten Golf neben einem schwarzen Hummer ab und stieg aus. Um Gottes Willen: Hier sollte er arbeiten -  und schlimmer noch: wohnen? Wenn Hendrik an die repräsentativen Sitze anderer Stiftungen mitten in Berlin dachte und dann das hier sah, lief es ihm trotz der Hitze kalt den Rücken hinunter. Warum hatte die Offensive Natur nicht genug Kapital, um ihren Hauptsitz herzurichten, konnte ihm aber ein beachtliches Einstiegsgehalt zahlen? Nun gut, bisher konnte er seine Einschätzung nur auf den äußeren Eindruck stützen. Er wollte nicht voreingenommen an die Sache heran gehen, auch wenn es ihm zugegebenermaßen im Moment ein wenig schwer fiel. Zögernd ging Hendrik in Richtung Tür. Seinen ganzen Krempel ließ er erst mal hier. Den konnte er auch noch später holen.

Es war auf jeden Fall voreilig gewesen, den Job anzunehmen ohne wenigstens einmal vorher hier gewesen zu sein. Er hätte herfahren und sich alles ansehen sollen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen, die alle Gesichtspunkte berücksichtigte. Aber jetzt war es zu spät. Der Vertrag lief zunächst über ein Jahr ohne Probezeit. Und Hendrik war fest entschlossen, durchzuhalten. Es würde auf dem Lebenslauf sonst blöd aussehen.

Vielleicht war es auch gar nicht so schlimm, wie es ihm gerade erschien…  

 

Im vierten Stock des Gebäudes hinter den zugemauerten Fenstern ging es geschäftig zu: in den vollgestopften Büros, die an den in gleißendes Licht getauchten Flur angrenzten, saßen eine Reihe von Männern und gingen ihrer Arbeit des Beobachtens und Sammelns von Informationen nach. Der Flur lag versteckt hinter einer dicken Betonwand, welche die Etage vom Treppenhaus absperrte. In die Wand war eine Metalltür eingelassen, neben der sich eine Klingel befand. Darüber war eine Kamera angebracht.

In einem der Büros saß ein Mann mit dickem Hals und rundem Bauch vor den Bildschirmen, strich sich den Schweiß von der Stirn und drückte dann auf die vor ihm stehende Computertastatur und das Bild des sich langsam auf den Hauseingang zubewegenden Hendrik wurde auf einem der Monitore schärfer. Der Mann drehte sich um und sagte in das Dunkel hinter sich:

„Da haben wir ihn, Chef. Wie er leibt und lebt.“

„Eine Stunde zu spät, hm! Ist alles vorbereitet?“, tönte es aus dem Dunkel.

„Büro und Zimmer sind verkabelt. Alles wie immer. Sobald er im Haus ist, kümmern wir uns um sein Auto.“

Der alte Mann, der im hinteren Teil des Zimmers umgeben von der Dunkelheit saß, nickte zufrieden.

„An der Freundin sind wir dran?“

„Alles geht seinen Gang!“

„Wie steht sie zu der ganzen Sache?“

„Hat ein bisschen gejammert, ist aber nichts Ernstes. Gestern Abend hat er uns bemerkt, aber sie hat ihn abgelenkt.“

„Sex?“

„Fast täglich. Junge Leute. Sehr verliebt. Könnte bei längerem Fernhalten ein Problem werden.“

Der Alte hustete, dann räusperte er sich und meinte: „Kompliment für die Aktion heute Nacht. Saubere Arbeit, die uns ein gutes Stück voran gebracht hat.“

Der Dicke hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.

„Lassen Sie ihn noch kurz schmoren und beobachten Sie seine Reaktionen. Wir wollen sicher gehen, dass er optimal reagiert. Wenn Sie genug Material haben, schicken Sie Sophie los.“

„Geht klar, Chef!“

 

Die massive Eingangstür aus Stahl stand einen guten Spalt breit offen. Niemand war zu sehen. Das schien hier Programm zu sein.

„Hallo, jemand zu Hause?“ Hendriks Stimme schallte den langen Gang hinunter.

Er lauschte. Weit entfernt hörte er Stimmen, aber niemand schien in der Nähe zu sein.

Wusste hier niemand von seinem Kommen? Dann hätte er sich wegen der Verspätung ja gar nicht so verrückt machen brauchen. Er hatte schon damit gerechnet, dass er erwartet würde.

Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es inzwischen schon fast dreiviertel zwölf war. Nun gut, vielleicht wäre er vor einer Stunde erwartet worden, als er eigentlich hätte da sein sollen.

„Hallo!“ Seine Stimme wurde lauter.

Er hörte er eine Tür. Er hielt das Ohr an den Türspalt und lauschte angespannt, aber es war nichts mehr zu hören.

Genug war genug: Mit einem kräftigen Schubs stieß Hendrik die Tür auf und trat schwungvoll ein. Sofort taumelte er zurück. Er war gegen etwas gestoßen. Sie hatte hinter der Tür gestanden und starrte ihn aus grünen Augen erschreckt an. Sie war ungefähr so alt wie Liliane. Hendrik spürte, wie sein Kopf heiß wurde. Heute taumelte er ja förmlich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen.

„Oh, entschuldige bitte! Ich dachte, man hätte mich nicht gehört und… ich stehe hier schon eine Weile.“

„Und du bist…wer?“ Sie hatte eine angenehme Stimme. Sanft und warm.

„Hendrik Römer. Herr Schratt erwartet mich… Oder hat mich erwartet… Ich hatte Probleme, den Weg zu finden…“

Sie kicherte leise: „Da bist du nicht der Einzige!“  Das Lächeln ließ ihr Gesicht leuchten. „Mein Großvater war schon ganz nervös, weil du nicht kommst. Komm mit. Ich bringe dich zu ihm! Soll ich dir beim Tragen helfen?“

„Ich hol alles nachher.“ Hendrik Kopf fühlte sich wattig an. Alle Geräusche waren gedämpft und auch riechen konnte er kaum etwas. Das kannte er schon. Immer wenn er aufgeregt war, verließ ihn ein Teil seiner Sinne. In seiner mündlichen Prüfung zum ersten Staatsexamen hatte er peinlicherweise mehrmals nachfragen müssen, bevor er die Fragen im Zivilrecht verstand. Professor Wenger war aber auch ein Nuschler vor dem Herrn!

 

Die hellbraunen, glatten Haare stukten ihr beim Gehen auf die Schultern. Lilianes Haare kamen ihm viel voller vor. Das Mädchen drehte sich zu ihm um.

„Hattest du denn sonst eine gute Fahrt? Bis auf den Ärger mit dem Weg?“

„Ja, danke. Ist ja im Grunde ein Katzensprung von Berlin.“ Er beeilte sich, mit ihr auf gleiche Höhe zu kommen. Sie hatte einen flinken Schritt.

„Da war ich noch nie – in Berlin!“ Ein sehnsuchtsvoller Klang hatte sich in ihre Stimme geschlichen.

„Oh… Wie kommt´s?“, fragte Hendrik erstaunt. Hier in der Schorfheide steppte ja nun wirklich nicht der Bär und in ihrem Alter auf dem Land zu versauern… nun gut!

„Hat sich noch nicht ergeben. Großvater ist immer sehr beschäftigt und alleine will er mich nicht fahren lassen.“

„Na ja, wenn ich mal wieder hinfahre, kannst du gerne mitkommen…“, entfuhr es ihm.

Ihr Lächeln war süß. Mit blitzenden Augen und Grübchen.

„Schaun wir mal. Bist du nervös?“

„Merkt man das?“

Sie schüttelte den Kopf: „Nein, nein. Ich hatte nur gedacht, so ein Neubeginn ist doch immer eine aufregende Sache, oder nicht? Geht mir jedenfalls immer so! Aber sei unbesorgt, Großvater ist wirklich nett.“

Wieder lächelte sie.

„Ach Gott, ich habe mich ja gar nicht vorgestellt, oder? Ich bin Sophie. Sophie Schratt. Hier ist dein Büro. Ich werde gleich Bescheid sagen, dass du jetzt da bist.“

Schon hatte sie sich umgedreht und eilte den Gang  hinab – den gleichen Weg zurück, den sie eben gekommen waren. Sie hatte auf die Tür ganz am Ende des Ganges gedeutet.

Hendrik sah sich unschlüssig um: In dem langen Gang reihte sich eine dunkelbraune Holztür an die andere. An den Wänden hing eine großgeblümte Tapete, die an einigen Stellen in Fetzen abgerissen war. Da, wo sie noch hing, wellte sie sich bereits. Niemand war zu sehen.

Langsam drückte Hendrik die Klinke zu dem Zimmer herunter, auf das Sophie mit den meergrünen Augen und dem Grübchenlächeln gezeigt hatte.

 

Ein abgestandener Geruch schlug ihm entgegen. Hier hatte offenbar schon länger niemand mehr gearbeitet.

Hendrik schloss die Tür und ging direkt zum Fenster. Eine Dosis Frischluft würde der ganzen Sache sicherlich gut tun. Hendrik schob die gelbstichige grobe Gardine beiseite und fasste nach dem Griff. Ein kurzer Ruck und er hatte den Fensterknauf in der Hand.

„Na das fängt ja gut an!“ Er kniff die Lippen zusammen, legte den Griff auf das Fensterbrett und schob seine Brille hoch. In dem Moment hörte er ein Quietschen. Hastig drehte er sich um. Die Tür stand jetzt weit offen. Ein alter Mann im Rollstuhl saß mitten im Raum und musterte ihn unverhohlen. Er war mindestens achtzig. Die Haut war faltig und grau. Der Mann wirkte gebrechlich, krank, aber mit ihm war eine unglaubliche Energiewelle in den Raum gekommen.  

„Herr Römer. Ich freue mich, dass Sie hier sind.“ Seine Stimme klang rau. „Mein Name ist Schratt, Hans Schratt. Meine Enkelin Sophie haben Sie ja bereits kennen gelernt, nicht wahr?“ Er deutete mit der rechten Hand in Richtung Flur, wo Sophie grinsend stand und sich offensichtlich bemühte, alles mitzubekommen. Seine Linke ruhte bewegungslos in seinem Schoß.

„Freut mich, Herr Schratt. Ich möchte mich für mein Zuspätkommen entschuldigen. Es war schwierig…“

Schratt unterbrach ihn mit einem Wedeln seiner Hand.

„Schon gut, jetzt sind Sie ja da!“ Er lächelte, doch seine blauen Augen wirkten kalt - wie eisige Bergseen.

„Man wird Ihnen die Offensive Natur und die Begebenheiten später vorstellen. Sophie zeigt Ihnen jetzt ihr Zimmer. Nach dem Essen beginnt die Einweisung. Verlaufen Sie sich nicht, das Haus ist groß!“

Er lachte heiser.

Hendrik nickte – unsicher, wie er Schratts Worte deuten sollte, schließlich erschien ihm der Grundriss des Gebäudes recht einfach gehalten und somit zum Verlaufen ungeeignet.

„Wenn Sie noch Fragen haben, Herr Römer: nur zu! Seien Sie versichert, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, damit Sie sich hier wohl fühlen! Ach, eines noch: Die Kellerräume und der vierte Stock sind tabu.“ Er hob seine rechte Hand zu einem Gruß, als Sophie auf sein Nicken hin den Rollstuhl wendete und ihn in den Flur rollte.

Irritiert blickte Hendrik ihm hinterher. Ihm kam hier Vieles so anders vor, als er es sich vorgestellt hatte.

 

Im vierten Stock nahm ein Mann mit kurzgeschorenen blonden Haaren und einer Narbe über der gesamten linken Wange in einem Büro voller Überwachungsmonitore die Kopfhörer ab. Er drehte sich nach dem Drucker um, aus dem gerade der Mitschnitt des Gespräches zwischen Schratt und Hendrik ratterte. Er lochte den Stapel und heftete ihn in den bereitliegenden dunkelbraunen Ordner.

Dann drehte er sich wieder um, veränderte per Mouseklick die Ausrichtung der Kamera und machte sich daran, jede Bewegung Hendriks zu verfolgen, während er sich langsam eine Zigarette anzündete und den Rauch ohne eine Miene zu verziehen genussvoll einsog.

 

Das Zimmer, in dem Hendrik wohnen sollte, war schmal. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank – mehr nicht. Die Tapete war die gleiche wie im Flur und ihr Zustand war nicht viel besser. Hendrik schluckte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich Liliane bei einem Besuch hier wohlfühlen würde. Es gefiel ja noch nicht mal ihm selbst. Wenn er an ihre gemütliche Wohnung in Berlin dachte…

Aber das Zimmer war zweckmäßig, das musste genügen. Er spürte Sophies fragenden Blick.

Oh nein, hoffentlich fragte sie ihn nicht, wie es ihm gefiel. So gut verstellen, dass er Freude über diese Unterkunft glaubhaft hätte heucheln können, konnte er sich nicht.  

„Wann ist denn Essenszeit?“, bemühte er sich, sie abzulenken.

„Bald: von 12 Uhr 15 bis 12 Uhr 45. Du solltest allerdings nicht später kommen, denn die Küche wird pünktlich geschlossen. Dann gibt es erst wieder um 18 Uhr etwas.“ Sie strahlte. Offenbar hielt sie die rigiden Tischzeiten hier für völlig normal.

„Und der Speisesaal ist die Treppe runter und dann links. Okay, dann weiß ich ja alles, was ich gerade brauche.“

Sie nickte eifrig, machte aber keine Anstalten, ihn zu verlassen.

Es war inzwischen schon nach zwölf. Eigentlich wollte er kurz Liliane anrufen und ihr berichten, aber natürlich nicht vor den Ohren von Sophie.

„Wir sehen uns dann beim Essen!“, sagte er und riss die Tür demonstrativ auf. Im gleichen Moment gab es einen lauten Knacks und Hendrik hielt die Klinke in der Hand. Hier ging ja alles kaputt? So eine marode Bude hatte er noch nicht erlebt.

Sophie war bestürzt: „Ach, das tut mir aber leid. Ich werde gleich Bescheid sagen, dass das repariert werden muss. Willst du gleich mitkommen oder…?“

„Ich komme in ein paar Minuten hinterher.“

„In Ordnung!“ Damit war sie weg.

Hendrik versuchte die Tür anzulehnen, aber das Haus schien nicht ganz gerade zu stehen, so dass sich die Tür nicht schließen ließ. Wenn er sich nicht gegen sie lehnte, schwang sie sofort wieder auf. So wollte er  Liliane nicht anrufen. Das Gespräch musste also bis später warten.

Seufzend zog er den Tagesanzeiger heraus, der in seinem hellblauen, etwas angeschmuddelten Rucksack steckte und machte sich auf den Weg nach unten. Es war noch eine Viertelstunde Zeit bis zum Mittagessen. Er würde versuchen, Liliane von seinem Büro aus anzurufen. Genau, das war eine gute Idee! Schnellen Schrittes schlug Hendrik den Weg dorthin ein.

 

Die Tür war nur angelehnt. Seltsam, er hätte schwören können, sie vorhin geschlossen zu haben, aber vielleicht irrte er sich auch. Vorsichtig lugte Hendrik hinein. Die zwei angeschrammten Schreibtische, die vor dem Fenster zusammen geschoben standen, wirkten noch genauso verlassen wie vorhin. Aber hatte einer der Drehstühle nicht eben noch dahinten neben dem wackligen Regal gestanden? Hmm.

Hendrik betrat den Raum und sah sich um. Die schmutzig- gelbe Farbe blätterte von den Wänden.

Auf der Fensterbank lag der Griff.

Er sollte irgendwem Bescheid sagen. Vielleicht fragte er nachher mal Sophie.

 

Die Luft war immer noch muffig. Aber das Fenster ließ sich ohne Griff nicht öffnen. Er würde lieber nach dem Essen telefonieren. Zögernd zog er den Drehstuhl wieder vor den rechten Schreibtisch und setzte sich. Er faltete die Zeitung auseinander. Die Schlagzeile hieß: Staatsminister des Auswärtigen Amtes brutal hingerichtet. Ein kaltes Kribbeln kroch über Hendriks Arm. Er strich sich mit der flachen Hand über die aufgestellten Härchen und richtete sich im Stuhl auf, während er den Artikel weiterlas: Isabella Schneider und Thomas Winterlauf, die beiden Staatsminister des Auswärtigen Amtes in Berlin, wurden in der vergangenen Nacht auf brutale Weise in ihren Privatwohnungen getötet. „Man kann von einem regelrechten Dahinmetzeln der Opfer sprechen. Die Tatorte sind absolut verwüstet - richtige Schlachtfelder. So etwas haben die Kollegen schon lange nicht mehr gesehen.“, sagte Polizeisprecher Heiner Winkler gegenüber dem Tagesanzeiger. Ein Zusammenhang der beiden offenbar zeitgleich - gegen Mitternacht - ausgeführten Taten kann nicht ausgeschlossen werden. Außenminister Metznerzeigte sich schockiert über die Morde. Er verlangte eine umgehende lückenlose Aufklärung dieser unsäglichen Verbrechen an zwei integren und absolut zuverlässigen Mitarbeitern für Deutschland. Er steht jetzt vor der Aufgabe, schnellstmöglich neue Staatsminister zu finden, die die überwiegend politische Arbeit der Getöteten übernehmen können.

 

Hendrik starrte aus dem verschmierten Fenster nach draußen. Das war doch kein Zufall, dass die zwei ranghöchsten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes ermordet wurden. Auf einmal fühlte er sich einsam. Die grünen Blätter des Baumes vor seinem Bürofenster hingen müde in der Sommerhitze herab.

Hendrik hatte Mühe, die immer wieder aufkommenden Zweifel zu verdrängen, die ihn immer wieder fragten, ob es klug gewesen war, alle Zelte in Berlin abzubrechen und hier in die Pampa zu ziehen, wo er niemanden kannte.

 

Als die Tür knarrte, fuhr Hendrik erschreckt auf. Der Drehstuhl kippte laut polternd um. Sophies meergrüne Augen strahlten ihn an.

„Ich wollte dich zum Mittagessen abholen… Ist alles okay mit dir?“

Hendrik nickte, räusperte sich und sagte dann mit belegter Stimme: „Klar. Alles in Ordnung. Ich brauche nur eine Sekunde… “ Mit schnellem Griff hatte Hendrik den Stuhl wieder aufgestellt und die Zeitung in einer Ecke des Schreibtisches zusammen gelegt. Zu Hause war er nicht so ordentlich. Davon konnte Liliane ein Lied singen, aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass er sich eine solche Schwäche hier nicht erlauben konnte.

„Gut, wir können.“, sagte er.

 

 

Der Speisesaal war voll. Viele Stimmen erfüllten summend den Raum. Es roch leicht angebrannt und war brüllend heiß.

An der Essensausgabe, einem langen Tresen aus dunklem Furnier, stand ein Koch mit reinweißer Kochjacke und braunem kurz geschnittenem Schnauzbart und löffelte routiniert das Essen auf die Teller. Als sich Hendrik und Sophie in die Schlange stellten, waren gut zehn Männer vor ihnen, aber es ging zügig voran. Schon war Hendrik an der Reihe und der Koch klatschte Hähnchen, Reis und Blumenkohl auf einen Teller, garnierte alles mit einer dicken braunen Sauce und hielt Hendrik den Teller hin, ohne hochzusehen. Das Ganze hatte nicht mehr als zehn Sekunden gedauert.

Hendrik drehte sich um und steuerte auf den einzigen freien Tisch in der Mitte des Raumes zu. Der von dem Teller aufsteigende Geruch war unangenehm. Hendrik hasste Blumenkohl. Das blässliche Gemüse mit dem muffigen Kohlgeruch war ihm seit jeher ein Dorn im Auge. Seine Oma hatte oft Blumenkohl gekocht. Er war billig. Sie hatte sogar mal versucht, welchen im Garten anzubauen, aber die Schnecken waren schneller und hatten den Kohl dankenswerterweise bereits so stark durchlöchert, dass er nicht mehr genießbar war, als Hendrik und sein Bruder ihn ernten sollten. Sie sagten Oma nicht, dass sie jede Schnecke, die sie gefunden hatten, gezielt auf den Blumenkohl gesetzt hatten, aber Hendrik glaubte sowieso, dass sie es wusste. Oma wusste immer alles. Sie war es, die sich um sie gekümmert hatte, wenn Mama arbeiten musste. Und Mama musste oft arbeiten. Vater war mit dem Unterhalt nicht sehr großzügig, obwohl er gut verdiente.

Immerhin war es regionales Essen. Gut fürs Klima, keine unnötig langen Transportwege. Aber zu so einer Jahreszeit gab es doch wahrhaftig angenehmere und frischere Gemüsesorten.

 

„Und… wie gefällt es dir hier?“ Sophies Augen erinnerten Hendrik an Meereswellen denken, die an einen hellen Strand schwappten.

„Ich bin schon gespannt, alles kennenzulernen. Kommt es mir eigentlich nur so vor oder bist du das einzige weibliche Wesen hier?“

Der Kohl erfüllte seine schlimmsten Erwartungen. Er würde ihn unauffällig beiseiteschieben.

„Es gibt noch ein paar andere. Ich liebe die vielen Bäume hier, du nicht auch?“ Sie strahlte ihn an.

„Die sind super!“ Ihre kindliche Freude ließ Hendrik lächeln. „Und du wohnst auch hier?“

„Seit ein paar Monaten. Meine Kindheit habe ich in Südamerika verbracht.“ Sophie schien keine Probleme mit dem Kohl zu haben. Ihr Teller war schon fast leer. Ein ganz schönes Tempo für jemanden, der so zierlich war wie sie.

„Schmeckt´s dir nicht?“ Forschend sah Sophie auf Hendriks  Teller, auf dem das Gemüse einen stinkenden farblosen Berg bildete.

„Doch, doch…!“

Da betraten einige Männer den Raum. Sie liefen langsam – ihrem hohen Alter entsprechend. Die Gespräche verstummten und vier junge Kerle in Sportklamotten, die um einen großen, runden Tisch gesessen hatten, erhoben sich sofort und räumten den Platz. Keiner der Alten schien sich darum zu kümmern, dass sich die vier neue Plätze suchen mussten. Als sich die Alten alle gesetzt hatten, nickte einer von ihnen - ein großer, hagerer Mann - dem Koch zu. Der schien nur auf das Signal gewartet zu haben und wandte sich hektisch dem Essen zu. Binnen Augenblicken standen dampfende Schüsseln auf dem Tisch der Männer, die sich die ganze Zeit leise unterhielten. Hendrik warf immer wieder einen Blick zu ihnen. Die Männer waren im besten Rentenalter. Vielleicht arbeiteten sie ehrenamtlich für die Offensive, dachte er, denn anders konnte er sich ihre Anwesenheit hier nicht erklären.

 

Gerade als sich Hendrik entschlossen hatte, Sophie nach den Männern zu fragen, öffnete sich die Tür zum Speisesaal wieder. Eine kleine, füllige Frau mit langer Nase und dicker Brille, den Arm voller Papiere, schoss herein. Sie verhar­rte einen kurzen Augenblick und musterte die Anwesenden, dann steuerte sie auf Sophies und Hendriks Tisch zu.

„Ach, darf ich vorstellen: Hendrik Römer, Doris Budick, die Leiterin der „Offensive“ “, sagte Sophie.

Doris Budick musterte Hendrik unverhohlen. In ihrer freien Hand hielt sie eine Zigarette, von der die Asche jeden Moment abzufallen drohte. Schließlich zog sie eine Augenbraue hoch, nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette – offenbar gab es hier kein Rauchverbot, schoss es Hendrik durch den Kopf - und sagte: „Na, dann wollen wir mal. Sind Sie hier fertig?“ Sie warf einen Blick auf Hendriks Teller und nickte resolut mit dem Kopf in Richtung Tür. Hendrik, der gerade an seiner Apfelsaftschorle genippt hatte, verschluckte sich und musste husten. Doris Budick warf ihm einen kurzen, prüfenden Blick zu, drehte sich dann um und marschierte los. Noch immer hüstelnd, sprang Hendrik auf, um ihr zu folgen. Eilig griff er nach seinem Teller. Er hatte vorhin beobachtet, wie die Männer das Geschirr vor dem Verlassen des Speisesaals auf ein bereitstehendes Tablett gestellt hatte, aber jetzt war es weg. Was sollte er denn jetzt mit dem Teller machen?

 

Doris Budick war schon fast zur Tür heraus, während Hendrik noch unschlüssig mit dem dreckigen Teller und Glas dastand und vor sich hin hustete. Kurzentschlossen warf Hendrik Sophie einen entschuldigenden Blick zu, als er Teller und Glas wieder abstellte und hinauseilte. Vor ihm hatten sich die alten Männer erhoben. Sie drängten ebenfalls zur Tür heraus. Doris Budick konnte Hendrik jetzt nicht mehr sehen. Hoffentlich hatte sie bemerkt, dass Hendrik nicht direkt hinter ihr war und war nicht über alle Berge. Es dauerte seine Zeit, bevor die Alten die Tür passiert hatten, aber es gab keine Möglichkeit, an ihnen vorbei zu schlüpfen. Endlich waren sie alle draußen und auch Hendrik hatte die Vorhalle erreicht. Die Männer bogen um die Ecke und stiegen dann eine breite Steintreppe hinab. Sie führte zu einer großen Stahltür, die aussah wie der Eingang zu einem U-Boot. Das musste der Keller sein. Offenbar war er nicht für jeden hier tabu!

Footer

Showcases

Background Image

Header Color

:

Content Color

:

/* versteckter counter */
InsgesamtInsgesamt43528